Synken
Review
Jan Rohlf / www.clubtransmediale.de
In einer Mischung aus abstrakten Bildern, graphischen
Animationen, digitalen Bildeffekten und aufwändigen filmischen
Sequenzen entwirft der experimentelle Musik-Film „Synken“ eine
fantastisch-entrückte
schwarz-romantische Szenerie, in der düstere Wälder, zersplitterte
Landschaften, von Igelmenschen bevölkerte Kellerverließe, ein
biomorpher Roboter und ein mysteriöser
Wanderer die Hauptrollen spielen.
Mit SYNKEN gelingt es Transforma ihr mit der vielfältigen Praxis vorausgegangener Jahre gesammeltes Erfahrungsspektrum für ein neuartiges Experiment nutzbar zu machen: Die schnitttechnische Musikalität des VJings, die grafische Finesse und formale Eleganz des Motion Designs, Impulsivität und aufwändige Fantastik des Musikvideos und allen voran der präzise Kamerablick des Films finden hier zusammen zu einer Zwischenform aus Erzählfilm, audio-visuellem Experimentalvideo und Extended-Music-Clip. Auf einer Linie mit den besten Errungenschaften zeitgenössischer elektronischer Musik, interessieren sich Transforma dabei nicht für die Darstellung auratischer Künstlerpersönlichkeiten, wie es das Gros der MTV/Viva-Musikclips und der derzeit so fleißig veröffentlichten
Musik-DVDs ungebrochen tun. Nicht die Person des Musikers O.S.T.
steht im Zentrum von SYNKEN, noch ist seine Musik schlicht Soundtrack
zur Story. SYNKEN ist das Ergebnis eines intensiven, ergebnisoffenen
Dialogs zwischen Bild und Musik.
O.S.T.s atmosphärisch intensiver elektronischer 5.1-Surround-Soundtrack scheint aus dem akustischen Tiefenraum zu kommen und verleiht den Bildern einen unheimlichen, hypnotischen Fluß. Trotzdem haftet ihm nichts Stetiges an. Es gibt keinen auf einem linearen Zeitstrahl voranschreitenden Spannungsaufbau wie man das von Spielarten minimaler elektronischer Musik kennt, kaum offensichtliche Wiederholungen, geschweige denn ein durchgehendes Metrum. O.S.T. tastet das Vokabular des Organisch-technischen, des Biomorphen, der andauernden Transformation ab: Vertracktes Prasseln, arrhythmisches Knistern, knorpeliges Knurpseln, ein pochender Puls, nachhallende Subbass-Schläge und schwebend-sphärische synthetische Klangfäden spiegeln die zentralen Motive von SYNKEN wider: das Spannungsfeld zwischen Natur und Technik, zwischen Science Fiction und dunkler Fantastik. Die Musik ist dabei von schillernder Komplexität. Spielend vereint sie eigenwillige Sperrigkeit mit klanglicher Faszination zu einer mitreißenden atmosphärischen Dichte, changiert zwischen unwirklicher Spookyness und ätherischer Schönheit, wechselt von die Bilder kongenial unterstützendem Effekt zu musikalischer Eigenständigkeit und zurück.
Im Zusammenspiel erzeugen Bild und Ton große atmosphärische Intensität. Aber SYNKEN ist nicht nur formales Experiment, ist auch ein Stück narrativer Film. Worin diese Erzählung liegt, ist freilich nicht klar auszumachen. Spiralförmig windet sich SYNKEN um seine Motive herum: Ein in der Tiefe des Waldes hausendes Monstrum – halb kugeliges Geflecht aus Ästen, halb technisches Konstrukt aus Plastikröhren und Mechanik –, das sich in einem igelartigen Wesen spiegelt, das scheu durch neonbeleuchtete, unterirdische, konstruktivistisch verschachtelte Kellerräume huscht. Hier ein Stück Technik in wilder Natur, dort ein Rest Naturhaftigkeit in durch und durch synthetischer Umgebung. Und dazwischen der „Rucksackmann“, ein mysteriöser Wanderer zwischen den Welten, der mittels ritualartiger Handlungen einen Kommunikationskanal zwischen den beiden Welten zu etablieren wollen scheint – in Szene gesetzt durch ein kraftvolles und zeitgemäßes
Repertoire an Verfremdungseffekten gefilmter Bilder.
Digitale Artefakte durchziehen Landschafts- und Naturaufnahmen
und kreieren eine Atmosphäre der Entrückung. Schnelle Montage, Gegenschnitte und rhythmisierte Perspektivsprünge schaffen immer wieder Distanzen zwischen Betrachter und dem in den Bildern dargestellten. Gleichzeitig wird man durch den Fluß der Bilder in den Film hineingesogen. Auffallend ist die häufige Verwendung von Perspektiven, die an die Bilder von Überwachungskameras erinnern, und an das Umschalten zwischen deren einzelnen Sichtachsen. Man meint durch das Kameraauge unbemannter Dronen zu sehen oder durch die Helmkamera eines modernen Infanteriesoldaten. Übertragungsfehler abrechender Funkverbindungen erzeugen Störbilder.
Aus den Augenwinkeln der Überwachungskameras erhascht der Betrachter Sekundenbruchstücke einer an den Bildrändern vorbeihuschenden unbekannten Präsenz, von Lebensformen im Verborgenen, in Wäldern und dunklen Kellerverliesen, die lange nicht richtig in das Blickfeld geraten. Es steigt die Ahnung einer animistischen Kraft auf, die der Natur und ihren Artefakten auszuströmen scheint. Und doch bleibt das Bewusstsein, dass Natur hier lediglich durch den distanzierenden Blick technischer Apparate sichtbar wird, in jedem Moment präsent. Insofern spricht SYNKEN, genauso von der Entfremdung von der Natur, wie von der Sehnsucht nach ihr – als zwei Seiten ein und derselben Erfahrung.
Gemeinsam
eröffnen Bild und Ton subtile narrative Verzweigungen, die niemals schlicht linear gelesen werden können. Viel eher besteht SYNKEN aus einzelnen narrativen Modulen, die zu einer Anzahl möglicher Erzählungen kombiniert werden können. Rotation und Drehung der Bilder, die freie Beweglichkeit der Kamera und das Flüssige des Soundtracks erzeugen phasenweise eine starke psychedelische Wirkung. Der Betrachter löst sich aus seiner Perspektive, verliert die Richtung, wird wie die Flasche bei dem bekannten Kinderspiel „Flaschendrehen“ herumgewirbelt, bis sich eine neue Ausrichtung verfestigt. Dieses Wirbeln liefert Schanierstellen für das modulare Prinzip und schenkt den Künstlern eine Beweglichkeit, die es ihnen ermöglichen würde, die Sequenzen des Films auch in ganz anderer Reihenfolge zusammenzuschneiden. Nächst folgerichtiger Schritt in der Zusammenarbeit von Transforma und O.S.T. soll demnach die Erweiterung der DVD zu einer Live-Performance sein, bei der die Spieler Versionen der Erzählung
durch Echtzeitentscheidungen entwickeln. Man darf gespannt sein.
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